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25 Jahre Mauerfall - zum Glück bin ich nicht prominent

25 Jahre Mauerfall

Man kam nicht vorbei in den letzten Tagen: ob im Radio oder Fernseher, überall tönte die Frage „Wo waren Sie am 9. November als die Mauer fiel?“ Vorwiegend Prominente berichteten über die bewegenden Tage vor 25 Jahren. Und da war er, der Gedanke tief in mir: Gott sei Dank bist du nicht prominent. Wieso? Weil ich eben diese Frage nur mit einem „Ich bin mir nicht sicher...“ beantworten kann. Wie peinlich wäre das denn bitte schön? Ehrlich: ich weiß es nicht. Ich war irgendwie im Bus unterwegs mit Freunden auf dem Heimweg von irgendwoher. Ich bin nicht sofort und auf der Stelle zur Mauer gefahren und hab dieses historische Ereignis aufgesaugt. Ich weiß noch nicht einmal mehr ob es besondere Reaktionen daheim gab, außer der allgegenwärtigen Ungläubigkeit, und auch nicht, ob das am nächsten Tag in der Schule ein Thema war.

Da saß ich gestern Abend, sah die Livesendung mit den fliegenden Ballons und fragte mich, wieso ich davon so vergleichsweise wenig mitgenommen habe. Woran lag das? Ein Grund war sicherlich, daß ich im Grunde ein eher unpolitischer Mensch bin. Es ist nicht so, daß mich Politik nicht interessiert, das kann ich nicht behaupten, aber sie findet nicht so sehr Einzug in mein Leben. Auch mein Elternhaus war nicht wirklich politisch geprägt. Und mit 16, 17 hatte ich glaube ich einfach viele andere Sachen im Kopf, nur nicht Politik. Eher Liebeskummer und Zeit mit meiner besten Freundin. Erst viel später habe ich erfahren, daß mein Opa als politischer Flüchtling galt. Meine Mutter war schon vor dem Mauerbau mit ihrer Familie geflüchtet. Wir hatten nur ganz entfernte Verwandte in der DDR, daher hatte ich da wenig Berührungspunkte. Und meine Erlebnisse mit der DDR waren nicht gerade schöne Erlebnisse.

Eine Kindheit im alliierten Westberlin

Als ich ein kleines Kind war zogen wir nach Berlin. Mein Vater hatte eine Stelle bei Schering bekommen. Ich bin mit der DDR aufgewachsen. Ich kannte nichts Anderes. Die Mauer war einfach immer da, sie gehörte für mich zu Berlin wie Lebkuchen zu Weihnachten. Nun war Westberlin so groß, daß man rein platzmäßig auch mit Mauer nicht eingeschränkt war. Wir wohnten im Wedding an der Grenze zu Reinickendorf, also auch nicht in unmittelbarer Nähe zur Mauer. Doch trotzdem begegnete mir die Mauer und die DDR natürlich in vielfältiger Weise auch schon als Kind.

Eine der tiefgreifendsten Erinnerungen sind die U-Bahnfahrten. Die Linie 6 führte von Tegel im Norden bis in den Süden nach Alt-Mariendorf. Dabei unterfuhr sie auch Gebiete von Ostberlin. In diesen Bahnhöfen war alles dunkel, der Zug fuhr nur im Schritttempo und irgendwo auf dem Bahnsteig stand ein Soldat mit Maschinengewehr. Als Kind waren Fahrten immer aufregend. Was wenn der Zug stehenblieb? Kann der Soldat dann einsteigen? Es war immer ein komisches Gefühl dabei.

Dieses Gefühl war natürlich auch immer bei den Transittouren dabei. Die stundenlangen Schlangen an den beiden Grenzen, die jede Fahrt 'gen Westen zu einer schier endlosen Odysee werden ließ. Die Grenzposten, die nie, aber auch wirklich nie ein Lächeln zeigten. Der Befehlston, wenn der Satz „Machen sie das Ohr frei!“ erklang. Auch meine Eltern waren an der Grenze immer sichtlich angespannt. Besonders in Erinnerung ist mir eine Urlaubsreise nach Bornholm. Die Fahrt zur Fähre führte uns nachts durch die DDR bis nach Saßnitz auf Rügen. Jedesmal wenn wir diese Strecke heute in den Urlaub fahren, muß ich an diese Tour denken. Schlechte Straßen, kaum Schilder. Als Kind haben wir das zwar wahrgenommen, aber kaum in der Tragweite. Auf der Rückfahrt mußten wir an einem Parkplatz Pipipause machen. Nur ein Trabbi stand dort. Wahrscheinlich wurde unser Stop sofort gemeldet, denn an der Grenze zu Berlin mußten wir das Auto komplett räumen, bis zu den Koffern mit der dreckigen Unterwäsche. 

Unsere Wohnung lag im französischen Sektor. Auch die Alliierten gehörten  zu meiner Kindheit dazu. Die kilometerlangen Panzerkolonnen, auf der Rückfahrt von der Parade zum Nationalfeiertag, die die Fliesen im Badezimmer jedes Jahr zum Reißen brachten und mir das Gefühl gaben, daß Haus stürze gleich ein. Oder die Manöver direkt in der Stadt. Als Grundschulkind kam ich so manches Mal heim und direkt ums Eck beim Kaisers lag ein Soldat in Tarnkleidung und Maschinengewehr im Anschlag. Im Gegensatz zu den Grenzposten hatten die französischen Soldaten ein Lächeln für die Kinder über. Das kann ich meinen Kindern kaum verständlich machen, wie das damals war, dabei war es für mich „normal“.

Das erste Mal in Ostberlin war ich bei einem Ausflug in der 9. oder 10. Klasse. Die Grenzkontrollen am Übergang Friedrichstraße waren für mich noch eine unheimliche Erinnerung, aber der Rest war spannend und so anders: von dem Geruch in den Straßen, den Menschen bis zur Cola. Alles war anders als wir es kannten. Aber wie das Leben dort wirklich war, das blieb mir verborgen.

Trabbis, überall Trabbis

Die beiden Bilder oben sind am 10.11.1989 von unserer Wohnung an der Müllerstraße aus aufgenommen. Den Geruch kann ich leider nicht mitliefern. Überall waren Trabbis! Ein ganz anderes Geräusch auf den Straßen. Auf dem linken Bild seht ihr im Hintergrund ein großes weißes Gebäude, ein Einkaufszentrum. An der rechten Außenwand sieht man unten eine dunkle Linie. Das sind Menschen, die für das Begrüßungsgeld anstanden. Selbst so abseits des Zentrums waren der Mauerfall unübersehbar.

Ich brauchte lange, bis sich die Grenzen im Kopf auflösten. Einfach das Gefühl, daß bestimmte Straßen nun nicht mehr an der Mauer enden oder man an allen U-Bahnhöfen aussteigen kann. Im Studium wohnten viele meiner Kommilitonen wie selbstverständlich im Prenzlberg. So kam ich dann doch regelmäßiger in Gebiete, die ich bis dahin so gut wie gar nicht kannte. Und unsere Semesterfahrten führten uns ins Umland von Berlin oder an die Ostsee — ganz neue Landschaften gab es zu erkunden. Seitdem liebe ich Rügen. 

Wo lief die Mauer lang?

Wenn ich heute in Berlin bin, dann habe ich echte Probleme zu sagen, wo genau die Mauer verlief. So viel hat sich in der Stadt meiner Kindheit verändert. Daher fand ich die Idee der Lichtergrenze einfach nur großartig. Als ich die Bilder gestern sah, hatte ich sehr große Sehnsucht nach meiner Heimatstadt. Ich wäre so gerne mittendrin gewesen und wäre die Strecke abgelaufen. Es war bestimmt eine ganz besondere Stimmung. Aber inzwischen bin ich weit weg und muß mich mit den Bildern im Fernsehen begnügen.

Mit dem Abstand von 25 Jahren wünschte ich mir, daß ich damals etwas reifer gewesen wäre, daß ich die Tragweite mehr wahrgenommen hätte. Heute ist mir das Geschenk der Freiheit viel bewußter und auch die Tatsache, daß das auch hätte ganz anders, blutiger ausgehen können. Mir wird klar wie mutig die Menschen waren auf die Straße zu gehen und nicht mehr zu schweigen, nicht nur auf ihr Wohlergehen zu achten, sondern eine Vision von Frieden und Freiheit zu haben. Ich bin dankbar, daß meine Kinder mich ungläubig anschauen, wenn ich ihnen von den Zeiten damals erzähle. Und ich wünschte mir, daß überall in unserer Welt so friedlich Grenzen überwunden werden könnten...

 

Liebe Grüße!
Katharina

 

P.S.: Weitere Beiträge zum Mauerfalljubiläum findet ihr bei der Blogparade von blickgewinkelt.

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Kommentare

Das ist super interessant, was Du da schreibst, ich habe Deinen Artikel echt aufgesogen. So viele kleine Geschichten darin, und auch, wenn Du Dir wünschst, etwas mehr damals wahrgenommen zu haben: Du reflektierst diese Zeit wirklich wunderbar, finde ich. Und letztendlich kommt es doch nicht darauf an, wie 'schlau' wir geboren wurden, sondern nur, wieviel wir lernen, daran glaube ich jedenfalls. :)
Ganz lieben Dank für Deinen tollen Berliner Beitrag (meines Wissens erst der Zweite!).
Liebe Grüße
/inka

Danke Inka, für die lieben Worte! Ja, es stimmt, es kommt mehr darauf an, daß wir lernen und nicht stehenbleiben.
LG
Katharina

Sehr interessante Einblicke, Danke fürs erzählen.
Ich weiß auch nicht mehr genau, was ich an dem Tag X genau gemacht habe- da geht es mir wie Dir.

Und stell Dir vor- so beeindruckend ich die Lichtaktion fand- jetzt war ich gerade abgelenkt und begeistert, dass da
bei Sekunde 29 ein Fuchs über die Straße läuft...

Liebe Grüße aus dem Norden
Ute

So interessant, Deine Erinnerungen zu lesen. Ich bin zwar nicht aus Berlin, erinnere mich aber noch sehr genau an "Machen Sie das Ohr frei", wenn wir alljährlich mit der Bahn in die DDR fuhren. Kann man sich kaum vorstellen, wie Menschen so gar nicht lächeln überhaupt können, aber genau so war's. Und dann mussten wir noch endlos den Kopfwinkel verändern bis er dem Passfoto entsprach. Für uns immer eine sehr beängstigende Situation, auch mit den Hunden, die unter der Bahn und z.T. auch in der Bahn nach versteckten Menschen suchen sollten. Wer das nicht erlebt hat, kann es sich wahrscheinlich schwer vorstellen. Wer es erlebt hat, vergisst es nie. Da hast du bei mir echt Erinnerungen wach gerufen. Danke!
Liebe Grüße Gesa

Toll geschriebene Erinnerungen.
Mir erscheint diese ganze Teilung und Wiedervereinigung immer surrealer. Es tut gut Geschichten zu lesen wie es war. Aufzufrischen, um nicht zu vergessen, welch ein Glück wir haben heute in einem vereinten Land zu lebnen!
Danke für Deinen Text!
Liebe Grüße
Suse

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